Ustina Yakovleva
Morphologien des Wandels

Ausstellung
30.10.–18.11.2016

Ort: «Kabinett», Carmerstr. 11, 10623 Berlin / Öffnungszeiten: Mo-Fr, 10-18 Uhr
Vernissage am 29. 10. 2016 um 18 Uhr / Performance um 19 Uhr

Zur Aktualität der Szenographie

Wie ein Blick aus dem Bullauge der Nautilus, die ihr vertrautes Terrain 20 000 Meilen unter dem Meer verlässt, um einen bislang unerforschten Planeten zu erkunden, mutet das von Ustina  Yakovleva ausgebreitete Panorama an: abstrakte organische Formen, die an Tintenfische,  Mollusken, Korallen und Algen erinnern, inmitten einer seltsamen, ädrigen Gebirgs- und Gletscherlandschaft mit vorüberziehenden Gewitterformationen. So könnte das Stage Design für ein Science Fiction Stück auf dem Theater aussehen, bei dem es um die Formierung einer neuen alten Welt geht. Dabei spielen Konzepte von Erinnerung und Vergessen eine zentrale Rolle.

In ihrem Werk untersucht Ustina Yakovleva die Beschaffenheit von subjektiver Erinnerung. Für sie funktioniert diese wie ein Filter, das eine höchst differenzierte Selektion der Schlüsseleindrücke von Objekten oder Erscheinungen vornimmt. Manchmal dominiert die Farbe über die Form und umgekehrt, ein anderes Mal stehen Taktilität und Haptik im Vordergrund. In ihrem Arbeitsprozess formt sie die zahlreichen Facetten subjektiver Eindrücke, Bilder und Vorstellungen von Objekten zu kollektiv funktionierenden Prototypen der Perzeption, die darüber hinaus in der Lage sind, neue Assoziationen im Bewusstsein des Betrachters zu erzeugen. Die auf diese Weise entstehenden Neuformationen bergen genau jenes Potenzial an Flexibilität, Freiheit und Durchsetzungskraft, das für Prozesse des Wandels so grundlegend und unabdingbar ist - sei es auf der Ebene organischer Mikrostrukturen, wo durch Kombinatorik und Reproduktion simpler Grundelemente gänzlich neue Formen hervorgebracht werden können, oder innerhalb des komplexen Mechanismus gesellschaftlicher Entwicklung.

Keine Plattform eignet sich besser, gesellschaftlichen Wandel zur Disposition zu stellen, wie das Theater. Die Szenographie ist dabei längst von ihrer ehemals dekorativen Funktion gegenüber Dramaturgie und Regie abgerückt und zum zentralen Element der inhaltlichen Formfindung avanciert. Bildwelten, wie Ustina Yakovleva sie erschafft, führen weit darüber hinaus, wird hier doch eine gänzlich neue kollektive Sprache kreiert, die Perspektiven eröffnet für eine Szenographie, die selbst den Stoff für ein Theaterstück entwickeln kann, ohne dabei auf eine gegebene Textgrundlage zurückzugreifen zu müssen.

Eine Theaterinszenierung, die ihren Anfang in der Szenographie nimmt - diese Vorstellung rückt mit Ustina Yakovleva in greifbare Nähe.

Die Ausstellung findet im Rahmen des Theaterfestivals „Russischer Theaterfrühling 2016“ statt und zeigt 5 aktuelle Objekte aus Baumwollfasern, synthetischer Wolle, Leinen und Perlen sowie ein umfangreiches Buchprojekt auf Papier, bei dem identische Materialien in Sticktechnik zum Einsatz gebracht werden. Ergänzend werden Darstellungen phantastischer Meereswesen projiziert, die vorwiegend der Carta Marina des schwedischen Kartographen Olaus Magnus von 1539 sowie der davon inspirierten Mostri marini & terrestri, che si tovano in ogni luogo nelle parti d'aquilone des deutschen Kosmographen Sebastian Münster von 1550 entstammen.

Begleitet wird die Ausstellung von der Performance «ЧАЯНИЯ» [«yearning»] des zeitgenössischen Moskauer Theaterregisseurs Ilya Kiporenko.

Ausstellung Morphologien des Wandels